Im Jahre 1957 erschienen die »Kölner Legenden« von Goswin Peter Gath.
Pfarrangehörige, die etwas zu der Legende sagen oder ergänzen können oder sie in anderer Überlieferung kennen, wenden sich bitte an Florian.Seiffert@gmx.net. Vielen Dank!
Als Stammheim, nordwärts von Mülheim am Rhein gelegen, noch ein kleines Fischer- und Bauerndorf war, besaß es – schon vor Jahrhunderten – in seiner uralten Kirche ein weithin bekanntes Gnadenbild »Unserer Lieben Frau« und wurde darum auch alljährlich von zahlreichen Wallfahrern aufgesucht. Dies aber sahen die Mönche des ostwärts in einiger Entfernung gelegenen Klosters Dünnwald gerade nicht mit wohl wollenden Augen; denn gar zu gern hätten sie das Gnadenbild in ihrer Klosterkirche gehabt und so die Wallfahrer zu ihrem eigenen Orte hingezogen. Also überlegten sie, wie sie die Stammheimer dazu bewegen konnten, ihnen das segensreiche Bildnis zu überlassen, und fanden schließlich auch einen Weg. Indes ist ja wohl leicht einzusehen, dass sie hierbei einen gewissen und gerade nicht geringen Zwang ausübten; denn sonst hätten sie die Bewohner des Nachbardorfes, die so sehr an ihrem geliebten Muttergottesbilde hingen, nie und nimmer dazu gebracht, dass diese ihnen ihren heiligen Schatz überließen.
Da ward es denn abgemacht, dass die Stammheimer das Gnadenbild in feierlicher Prozession von ihrem Ort bis zu jenem Heiligenhäuschen am Emberg und nahe vor Dünnwald tragen sollten, das man gegenwärtig noch den “Weißen Mönch“ nennt. Hier sollten dann die Dünnwalder das Bild übernehmenund es weiter zu ihrer schmucken Klosterkirche schaffen. Genauso ward es auch befolgt. Am festgesetzten Morgen nahten die Stammheimer betend und singend vom Rhein aus über das sommerlich glühende Land heran. Doch war ihnen begreiflicherweise durchaus nicht froh zu mute; denn sie gaben nun einmal ihr Gnadenbild nicht gern her, unter dessen Schutz sie so lange gestanden hatten, und fühlten bereits jetzt einen solchen Druck auf der Seele, als würden sie für immer von der himmlischen Mutter verlassen. Die Dünnwalder hingegen, mit ihren Mönchen an jenem Heiligenhäuschen stehend und der so feierlich herannahenden Prozession entgegenschauend, waren umso glücklicher und – ahnten hierbei nicht, dass »Unsere himmlische Frau« ganz anders entschieden hatte.
Es ereignete sich nämlich sehr bald etwas höchst Sonderbares. Da erreichten die Stammheimer den „Weißen Mönch“; und mit ihnen kamen die weiß gekleideten und schön geschmückten Jungfern ihres Dorfes heran, die das aufrecht stehende Gnadenbild bis hierherauf einer leichten Bahre getragen hatten. Mit ernsten Gesichtern und manche auch mit Tränen in den Augen, setzten sie die Tragbahre nieder. Dann traten die ebenso feierlich gekleideten Dünnwalder Mädchen heran, um die Bahre mit dem Marienbilde aufzuheben und weiter zu tragen. Doch zu ihrer Bestürzung fanden sie diese so ungeheuerlich schwer, dass es ihnen trotz aller Bemühung nicht gelang, sie auch nur um einen Fingerbreit von der Erde zu lüften. Und als sie es eine Weile umsonst versucht hatten, – überhaupt nicht begreifend, wie dies denn möglich war -, traten ärgerlich einige Dünnwalder Männer heran, um den Jungfern dabei zu helfen. Aber auch diesen gelang es zu ihrer Verblüffung nicht. Die Bahre schien – was ja nun wohl ganz unverständlich war – eisenfest mit dem Boden verwachsen zu sein.
In diesem Augenblick hörte man plötzlich einen greisalten Stammheimer bedächtig sagen: „ Ich glaube, sie will gar nicht nach Dünnwald. Die kriegt ihr keinen Schritt weiter. Sie möchte wohl wieder heim in unser Dorf.“ Und dann fügte er noch hinzu: „Mädchen“ –womit er die von Stammheim meinte -, greift doch nochmals zu und versucht sie zurückzutragen!“ Aber dagegen protestierten die Dünnwalder Mönche, die das Gnadenbild so gern besessen hätten -, und verstummten sogleich, als sie nun sahen, wie vier der nächststehenden Stammheimer Jungfern die Bahre ohne jede Anstrengung mit einer Hand vom Boden zu heben und einige Schritte zurückzutragen vermochten. Und als jetzt wieder die Dünnwalder Mädchen sich herandrängten und, beinahe eifersüchtig, den anderen die Bahre abnahmen, mussten sie diese sofort wieder niedersetzen, weil sie ihnen allzu schwer war. So wurde es offenbar, dass »Unsere Liebe Frau« durch ein großes Wunder anzeigte, sie wolle nicht nach Dünnwald, sondern dorthin wieder zurück, wo sie so lange ihre Heimstatt hatte.
Was konnten die Mönche dagegen sagen? Siehatten den Sinn des Wunders schon begriffen und wagten gar nicht daran zu denken, sich Mariens Willen entgegen zu stemmen. Also fügten sie sich dieser Entscheidung und geboten, dass sie nun allen –Dünnwalder wie Stammheimer– das heilige Bildnis in sein angestammtes Heim am Rhein zurücktragen wollten. Und es wird noch berichtet, wohl nie zuvor hätte es eine solch feierliche und freudenreiche Prozession vom „Weißen Mönch“ aus über die sommerliche Flur gegeben.
Hoch in den Lüften tirilierten Tausende von Lerchen über die mild lächelnde Gottesmutter hin; und zu ihnen empor drang der nicht minder wohl lautende Jubel und Gesang so vieler Kinder und Mädchen, die ihre himmlische Mutter aus glücklichstem Herzen lobpriesen.
Siehe auch:

