Pfarrgemeinderat »Christen am Rhein«

Köln: Flittard – Stammheim – Bruder Klaus

Brief aus Southerton, Harare von P.Oskar Wermter SJ

Geschrieben von Florian Seiffert - 26. Juli 2011

Mich erreicht eine Mail von P.Oskar Wermter SJ:

P.Oskar Wermter SJ,
St. Peter’s Mbare,
P.O.Box194, Southerton, Harare, owermter@zol.co.zw
14. Juli 2011

WIR BAUEN UM.

LIEBE FREUNDE!

Unser Haus an Alt St. Peter wurde ganz umgekrempelt. Die Ordensgemeinschaft hat jetzt Raum für sich, und der Arbeitsbereich ist davon getrennt; der Innenhof ist kein Marktplatz mehr. Wir sind dort jetzt ein Priester, ein Diakon und zwei junge Mitbrüder im Schuldienst. Am 23.Juli wird der Diakon zusammen mit zwei anderen Jesuiten zum Priester geweiht, bei uns im Schulhof.
Die Gemeinde bereitet sich darauf seit Anfang des Jahres vor. 2500 Gäste werden erwartet.
Die Gemeinde wird auch umgekrempelt. Pater Provinzial versprach vor einem Jahr, dass die Jesuiten in Mbare bleiben werden, vorausgesetzt, dass die Gemeinde mehr Verantwortung übernimmt. Ein Finanzkommittee berät den Pfarrer, ein Buchprüfer überwacht die Buchhaltung; junge Männer, meist arbeitslose Handwerker, haben die Instandsetzungsarbeiten übernommen. – Am vergangenen Wochenende hatten wir das erste von drei Eheseminaren. 24 Ehepaare aus vier Gemeinden kamen zusammen. Sie werden ausgebildet, junge und nicht so ganz junge Paare auf die Eheschließung vorzubereiten.
Vor allem im sozial-karitativen Bereich versuchen wir neue Wege. Wir fragen uns: warum sind Leute arm und auf unsere Hilfe angewiesen? Wir wollen keine Bettler schaffen. Wir wollen den jungen Leuten nicht die Schaffenskraft nehmen und Arbeit und Mühe ersparen. “Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.”
Es kommt vor, dass wir einer Mutter helfen: der Mann hat sie sitzen lassen, sie weiß nicht mehr, wie sie ihre Kinder satt bekommen kann. Im folgenden Monat kommt sie wieder. Jeden Monat, fast jede Woche kommt sie mit ihrer Litanei von Klagen und Bitten. Sie ist auf dem besten Wege, eine Bettlerin zu werden. Sie ist von ihrem Gönner abhängig geworden. Sie hat keinen Willen mehr, sich selber zu helfen, auf eigenen Beinen zu stehen; wie zehntausend andere Frauen, die trotz Arbeitslosigkeit erfinderisch mit Handarbeit oder als Straßenhändlerinnen ihre Familien ernähren.
Wir haben ihr einmal aus der Patsche geholfen. Das darf aber kein Dauerzustand werden. Wir müssen sie entwöhnen, ihr aus der Abhängigkeit, ja Sucht, heraushelfen. – In den nächsten Tagen bekommen wir Nähmaschinen für eine Kooperative. Die Frauen wollen die Schulkleidung für die Kinder unserer Schulen selber schneidern und zum Verkauf anbieten, billiger als in den Geschäften. Die Männer wollen eine Schreinerei anfangen. Sie werden anfangen mit Kinderwiegen. Wenn das klappt, wollen sie Särge machen (!). Leider sorgt AIDS dafür, dass es da Bedarf gibt. –
Wir mussten mit einer improvisierten Klinik einspringen, als in der Krise von 2008 die Krankenhäuser zumachten. Jetzt wird auch hier umgebaut: wir arbeiten mit den wieder eröffneten städtischen Kliniken zusammen. Freiwillige aus medizinischen Berufen besuchen arme und hilflose Patienten und bringen sie zur Klinik. Wir übernehmen die Kosten (wenn wir das Geld dafür finden). Jede Nachbarschaftsgruppe /Sektion der Gemeinde (davon gibt es 25) wird mit Hilfe einer medizinischen Fachkraft hilflosen Kranken die nötige Behandlung verschaffen.
Wir sind sehr froh, dass wir Schulspeisung für die Kleinen in der Grundschule angefangen haben. Frauen der Vinzenzkonferenz kochen jeden Morgen einen nahrhaften Brei für die Kinder, weil viele ohne Frühstück zur Schule kommen und dann umfallen oder einschlafen. Zwei Suppenküchen geben täglich Mittagessen an bedürftige Kinder und Obdachlose aus. Eine Küche wurde geschlossen. Die Jugendlichen, die dort kochten, leben jetzt vom Verkauf von Altkleidung. –
Der Umbau unseres Hauses umfasst auch eine neue Küche mit großem Gasherd (umweltfreundlicher als ein offenes Feuer, wie bislang) und einen Vorratsraum für die Hilfsgüter für Alte und Kranke, Witwen und Waisen.
Die Polit-Rabauken der “herrschenden Partei” schlagen immer wieder mal zu in Mbare, seit Jahrzehnten ein politisches Schlachtfeld. “Justitia et Pax” hat vor ein paar Tagen dazu Stellung bezogen. – Wir hatten gerade eine Gedächtnismesse gefeiert. Die Familie ging nach Hause zu einem festlichen Mittagessen. Der Vater war Stadtrat für unseren Bezirk gewesen, für die neue Partei. In 2008 hatten sie ihn krankenhausreif geschlagen, im folgenden Jahr kam er bei einem mysteriösen Unfall ums Leben, von einem Armeelastwagen überfahren. Jetzt kamen die Rabauken, behaupteten, das Familientreffen sei eine unerlaubte Parteiversammlung und schlugen auf die Männer ein.
Eine Bürgervereinigung füllte das kleine Stadion neben unserer Kirche. Sie berieten über Sachen wie Müllabfuhr, Kanalisation, Stromversorgung und Krankenhäuser. Ich war eingeladen, ein Gebet zu sprechen und die Versammlung zu eröffnen mit ein paar ermutigenden Worten. Alles war friedlich und in guter Ordnung. Plötzlich brachen fünfzig Rabauken ein und schlugen auf die Leute ein, es gab viele Verletzte.
Wenn ich darüber zu Gemeindemitgliedern spreche, die vor Ort in der “herrschenden Partei” das Sagen haben (so etwas gibt es), dann stimmen sie mir zu: Nein, wir wollen auch keine Gewalt, der Präsident will es auch nicht. Tatsächlich gibt es Parteiplakate “No to violence”. So belügt man sich selbst.
Die sinkende Partei schlägt in den Medien auf die Kirche ein. Uralte Geschichten werden ausgegraben, um die Kirche zu diskreditieren. Ein mir gut bekannter Publizist fragt in seiner Zeitung: warum kritisiert P. Wermter heute die Regierung? Warum hat seine Kirche nichts gegen Ian Smith und seinen weißen Rassismus gesagt?
Die schlichte Wahrheit ist natürlich, dass die Kirche sehr wohl gegen den alten Rassismus gesprochen und gehandelt hat, so wie sie heute Tyrannei und Gewalt verurteilt.
Vor mehr als einem Jahr hat der Erzbischof von Johannesburg beklagt, dass die Missbrauchskandale die Kirche schwächen und daran hindern, offen und frei soziale Ungerechtigkeit beim Namen zu nennen. Vor zehn Jahren wurde es mir noch übelgenommen, als ich in der kirchlichen Presse über Dinge berichtete, die man sonst unter den Teppich kehrte. Das hat sich geändert. Zum Beispiel wurden die Priester des Erzbistums Harare kürzlich über die strengen Maßnahmen der Kirche gegen Missbrauch informiert. Schweigend und betroffen hörten sie zu.
Dieses Jahr bin ich 50 Jahre Jesuit, 40 Jahre Priester und über 40 Jahre in Afrika. Für ein solches Geschenk muss man mit einer Gegengabe danken. Unser Meditationskreis kam mit einer Sahnetorte. Andere Zeitgenossen bewundern eher Auflehnung und Protest, Bruch und Flucht. Sie meinen Treue ist Trägheit.
Für mich bedeutet es, ständig wach zu sein, jeden Tag neu anzufangen, Antworten zu suchen zu immer neuen Fragen, Wachstum und Wandel mitzutragen, nicht aufgeben, sich um die eigene Verwandlung zu mühen, jeden Tag die Wandlung zu feiern “so herrlich wie am ersten Tag”.
Will man etwas bewirken, muss man sich wirklich “reinhängen”, auch unter Risiko. Treue heißt auch, das Unerreichte loslassen, über den gescheiterten Versuch hinweg- kommen. “Wie succeed through failure” (John Henry Newman).
Priestersein ist nicht Macht mit flächendeckender Kontrolle über alles. Es ist eher die Fähigkeit, in den Gläubigen Begabungen freizusetzen. Da ist eine Frau, die hat schwer an HIV/AIDS gelitten: sie verlor ihre junge Tochter. Ich habe sie ermutigt, einen Gesprächskreis für andere HIV-positive Frauen anzufangen. Jeder Tag bringt eine neue Anforderung.
Für Ihr Interesse und Ihre Hilfe möchte ich ganz herzlich danken.
Mit allen guten Wünschen für eine gute Urlaubszeit
Ihr Oskar Wermter SJ.

PS: Konto “Jesuitenmission” Nr. 5115582 Ligabank BLZ 75090300
Stichwort: 4172 Wermter Simbabwe

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