100 Jahre Evangelisch in Flittard und Stammheim
Posted by Florian Seiffert - 28. August 2011
Hans-Dietrich von Zanthier mailt:
100 Jahre Evangelisch in Flittard und Stammheim
(von Hans-Dietrich von Zanthier)Eigentlich sollte der Titel „100 Jahre Evangelisch in Flittard“ heißen, doch daraus ist eine kleine Historie der Protestanten in Flittard und Stammheim geworden. Dazu am Schluss noch eine Bemerkung.
Über 100 Jahre nach den 95 Thesen Martins Luthers in Wittenberg wird ab Mitte des 17. Jahrhunderts von Calvinisten in Flittard und Stammheim berichtet, also Anhängern des Reformators Johannes Calvin. Eine solche Anhängerin war z. B. die Frau des letzten Namenträgers derer von und zu Stammheim. Dies war damals durchaus für einzelne Personen eine Provokation. So wurde schließlich ihr reformierter Katechismus von einem damaligen katholischen Amtsträger höchstpersönlich verbrannt.
Vom 17. bis zum 19. Jahrhundert traten Protestanten in Flittard und Stammheim nur vereinzelt auf, aber es gab sie. Damals mussten die Anhänger des protestantischen Glaubens aus Flittard und Stammheim zum Gottesdienst nach Köln-Mülheim. Dort hatte sich bereits im Jahre 1610 eine evangelische Gemeinde gegründet – übrigens die allererste auf Kölner Boden.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es immer mehr Protestanten in Flittard und Stammheim. Als schließlich die Marke von 100 Protestanten überschritten wurde, dachten die evangelischen Bürger in Flittard und Stammheim über einen eigenen Versammlungsort nach. Im benachbarten Leverkusen entschloss sich sodann der damalige Geheimrat Carl Duisberg, den evangelischen Christen in Flittard und Stammheim mit einer Schenkung zu helfen. So konnte in der Paulinenhofstraße 30 ein Grundstück erworben werden. Darauf wurde ein Gebäude mit einem Versammlungsaal errichtet. Vor 100 Jahren, am 11. Juni 1911, wurde dieser Saal als neue Außenstelle der Ev. Kirchengemeinde Mülheim am Rhein eingeweiht. Die Ev. Kirchengemeinde Wiesdorf schenkte eine Taufschale, die heute im Flur hier im Johanniter-Stift steht. Der Versammlungssaal in der Paulinenhofstraße wurde bekannt unter den Namen „Betsaal“.
Im 2. Weltkrieg hat das Gebäude an der Paulinenhofstraße stark gelitten. Ehrenamtliche Mitarbeiter der Gemeinde beseitigten diese Schäden noch während der Nachkriegszeit eigenhändig. Schon während des 2. Weltkrieges stieg die Zahl der evangelischen Christen in Flittard und Stammheim, insbesondere durch erste Flüchtlinge, auf über 1.000 Personen an. Bis 1947 halfen Pfarrer aus Mülheim für Gottesdienste und Amtshandlungen in Flittard aus. Ein evangelischer Gottesdienst wurde in der Regel alle zwei Wochen angeboten. Dann kam im September 1947 mit Pfarrer Schultze der 1. Pfarrer, der nur für Flittard und Stammheim zuständig war. Innerhalb der Gemeinde Mülheim wurde ein eigener Pfarrbezirk für Flittard und Stammheim gegründet. Ab 1951 führte Pfarrer Schultze monatlich evangelische Gottesdienste im damaligen Altenheim von Bayer, dem Ulrich-Haberland-Haus in Stammheim, ein. Eine Fortsetzung dieser Tradition sind heute u. a. die monatlichen ev. Wochengottesdienste mit Pfr. Vorländer hier im Johanniter-Stift.
Im Februar 1956 ging Pfr. Schultze in Ruhestand. Sein Nachfolger war Pfarrer Saenger . Mit dem Bau von Wohnsiedlungen der Bayerwerke in Flittard seit Anfang der 50er Jahre wuchs die Zahl der Protestanten sprunghaft an. 1957 zählte man bereits 3.500 evangelische Christen. Aus dem Pfarrbezirk wird die eigenständige Ev. Kirchengemeinde Köln-Flittard/Stammheim gegründet. Der Bau eines neuen Gemeindezentrums wird immer dringender. Eine große Spendenaktion lief an. Dann kamen die Bayerwerke zu Hilfe. Sie verkauften der Gemeinde das Grundstück zwischen der Roggendorfstraße und der Semmelweisstraße, spendeten Geld für einen Kirchenneubau und kauften schließlich der Gemeinde zu einem fairen Preis das Gebäude an der Paulinenhofstraße 30 ab. So konnte die Lukaskirche mit Gemeindezentrum und Nebengebäude überwiegend mit eigenen Finanzmitteln errichtet werden. Am 01.06.1959 war Spatentisch für die Lukaskirche. Bereits am 4. Adventsonntag, dem 20. Dezember 1959, wurde das neue Gotteshaus vom damaligen Präses der rheinischen Landeskirche Prof. Beckmann eingeweiht. Die Lukaskirche war in verdächtiger Rekordzeit errichtet worden. Der 1. Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland, Prof. Theodor Heuss, schenkte der hiesigen Gemeinde unmittelbar vor Beendigung seiner Amtszeit eine Lutherbibel mit Widmung. Heute liegt sie auf dem Altartisch hier im Hause.
Im Sommer 1961 beendet Pfr. Saenger seinen Dienst in der Gemeinde. Nach ca. zwei Jahren Vakanz wird im Jahr 1963 Pfr. Ernst Beysiegel in der Lukaskirche zum Pfarrer für Flittard und Stammheim ordiniert. Und die Zahl der Gemeindeglieder steigt und steigt. Im Jahre 1966 zählt die Ev. Kirchengemeinde Köln-Flittard/Stammheim bereits 7.000 Mitglieder.
Dies führte zur Bildung einer 2. Pfarrstelle, für die Pfr. Wolfgang Bauder gewonnen wurde. Er kümmerte sich zunächst um die Gemeindemitglieder in Stammheim und den Bau eines Gemeindezentrums in Stammheim. Nach der Fertigstellung des – derzeit noch stehenden – Dietrich-Bonhoeffer-Hauses im Jahre 1968 wurde die Gemeinde Flittard/Stammheim 1969 in zwei selbstständige Gemeinden geteilt.
In der Lukaskirche spielte sich in den Folgejahren ein pulsierendes Gemeindeleben ab, das weit über die Grenzen Kölns hinauswirkte. Das Gebäude wurde so manchem zur zweiten Heimat. Jugendliche der Gemeinde entschieden sich immer wieder, auch beruflich im christlichen Bereich tätig zu sein. So wurden einige von ihnen Missionare und haben sich auf fast alle Erdteile verstreut. Andere wurden selber Pfarrer und arbeiten heute in der näheren, wie weiteren Umgebung.
Das Jahr 1973 markiert einen dramatischen Einschnitt: Bei einer Segelfreizeit der Gemeinde in Holland sinkt ein Boot mit vier Personen an Bord. Der jüngste Jugendliche kann von der Besatzung eines Frachtschiffes gerettet werden, die anderen Drei ertrinken. Dabei handelt es sich um einen weiteren Jugendlichen, einen Familienvater (erfahrener Segler und ehrenamtliche Mitarbeiter aus der Gemeinde) sowie um Pfr. Beysiegel (ebenfalls ein erfahrener Segler). Nach diesem schrecklichen Unglück war die Pfarrstelle in Flittard zunächst vakant, bis im Jahr 1975 der damalige Gemeindereferent von Stammheim, Reinhard Albrecht, mit seiner Pastorenausbildung fertig war und die Pfarrstelle in Flittard übernahm.
In Stammheim ging 1991, vor 20 Jahren, Pfr. Bauder in den Ruhestand und Pfr. Gerold Vorländer wurde sein Nachfolger. Und jetzt sind wir schon fast in der Gegenwart angelangt. Vor 7 Jahren – 2004 – ging Pfr. Albrecht in den Ruhestand. Durch den Bevölkerungsrückgang nimmt auch die Zahl der evangelischen Christen immer weiter ab – und das bedeutet sinkende Kirchensteuereinnahmen, die zwei selbstständige Pfarrstellen und zwei Gemeindezentren nicht mehr erlauben. So wurden die beiden Pfarrstellen zusammengelegt und die zwei Gemeinden fusionierten zur Ev. Brückenschlag-Gemeinde Köln-Flittard/Stammheim. Nur 35 Jahre nach der Trennung in zwei Gemeinden sind die Protestanten in Flittard und Stammheim seit dem wieder in einer Gemeinde vereint.
Die Ev. Brückenschlag-Gemeinde Köln-Flittard/Stammheim beschloss das Gelände an der Roggendorfstraße zu verkaufen und den Verkaufserlös für den Bau eines zukunftsweisenden neuen Gemeindezentrums in Stammheim zu verwenden. Am 11. Januar 2009 wurde in der Lukaskirche der letzte Gottesdienst gefeiert, der mit ihrer Entwidmung endete. Nun stehen wir an derselben Stelle hier im Johanniter-Stift Köln-Flittard.
Erlauben Sie noch eine kleine Schlussbemerkung. Bei der Beschäftigung mit der lokalen Kirchengeschichte wurde mir deutlich: Eine Betrachtungsweise nur auf Flittard oder nur auf Stammheim ist kirchengeschichtlich nicht möglich. So hilft die Historie die Gegebenheiten der Gegenwart zu verstehen. Dies gilt für evangelische wie für katholische Christen gleichermaßen.
Zum Schluss gilt meinen besonderen Dank Frau Marianne Assenmacher und Frau Erika Standt, die im Rahmen der Entwidmung der Lukaskirche über viele Monate hinweg in mühsamer Kleinarbeit sehr viel Material und Dokumente über die Geschichte der Protestanten in Flittard und Stammheim gesammelt haben, welche ich nun für meine Ausführungen verwenden konnte.
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