Pfarrgemeinderat »Christen am Rhein«

Köln: Flittard – Stammheim – Bruder Klaus

Der Heilige Geist verhilft zur Erkenntnis

Posted by Florian Seiffert - 28. April 2015

Pfarrer Michael Cziba mailt den „Geistlichen Impuls Pfarrkontakte 2-2015“:

Das Menschheitswissen hat sich in den vergangenen vierzig Jahren verdreifacht. Neue Erfindungen erfolgen in immer kürzeren Abständen. Wenn jemand heute ein neues Betriebssystem für Computer erfindet, ist unser jetziger PC sehr schnell nur noch Müll. Alle sechs Monaten wird uns durch neue Worte eingeredet, dass die genutzten Handys oder der genutzte PC veraltet sind und wir neue kaufen müssen um aktuell zu sein. Diese rasante Entwicklung führt dazu, dass die Macher und Werbeleute das Sagen haben und die Entwickler stark unter Druck stehen und immer neues auf den Markt bringen müssen und die Denker von früher bloß noch nachdenken können. Wir sind versucht, auch unsere Lebensfragen vor allem mit Wissenschaft und Technik zu lösen. Da ist es kein Wunder, dass der religiöse Glaube vielen Menschen als eine Art Wissensersatz erscheint. Zum Beispiel: Für Aussagen über das menschliche Leben sind die Wissenschaften zuständig: die Biologie, die Medizin, die Physik, die Chemie. Was nach dem Tod kommt, lässt sich nicht nachprüfen. Also kann man es nicht wissen, sondern lediglich Vermutungen darüber anstellen. Man glaubt dann eben an die Existenz Gottes, an ein Leben nach dem Tod, an eine Auferstehung – oder auch nicht. Aber ist es nicht so, dass trotz allem die mathematisch-naturwissenschaftlichen Erkenntnisse in unserem praktischen Alltag eher eine untergeordnete Bedeutung spielen? Die meisten Lebensvollzüge spielen sich außerhalb der mathematisch-naturwissenschaftlichen Erkenntnis ab. Ein Geologe, der einen Stein untersucht, kann dessen Gewicht und Alter, seine Herkunft und seine chemische Zusammensetzung feststellen. Aber wenn ich ihn frage, warum es besser sei, diesen Stein als Bücherstütze zu benutzen, statt jemandem damit den Schädel einzuschlagen, so betrifft ihn diese Frage in seiner Eigenschaft als Forscher überhaupt nicht – weil es nicht um ein wissenschaftliches, sondern um ein ethisches Problem geht. All unsere Erkenntnisse der exakten Wissenschaften reichen nicht aus, um das Leben sinnvoll zu bestehen. Sie reichen nicht aus, weil sie sich nur auf ganz spezielle Aspekte der Wirklichkeit beschränken, nämlich auf das Messbare. Aber die Wirklichkeit als Ganze, so gern die Wissenschaft dies auch hätte, lässt sich nicht auf mathematische, physikalische und chemische Formeln reduzieren. Oder ist es vorstellbar, dass ein Physiker sich damit begnügen würde, bei der Aufführung einer Sinfonie von Beethoven die Luftschwingungen und Klangstärken zu messen? Auf der anderen Seite kann man Beethoven durchaus verstehen, ohne Musikgeschichte oder die Anatomie des menschlichen Ohrs studiert zu haben. Neben der wissenschaftlichen Erkenntnis gibt es ganz deutlich noch eine andere Art der Erkenntnis, die dort zustande kommt, wo jemand nicht nur mit dem Verstand, sondern auch mit dem Herzen sieht. Warum soll sich Politik also am Menschen und nicht an der Macht orientieren? Weshalb lohnt es sich, sich selber und anderen treu zu sein? Diese unwissenschaftlichen Fragen sind im Lebensalltag vorrangig. Und die Antworten darauf sind weltanschaulicher und religiöser Natur. Dabei handelt es sich um durchaus erfahrungsbedingte Gewissheiten und nicht um einen Wissensersatz. Wissen und Glauben richten sich auf das gleiche Ziel: die Wahrheit. Naturwissenschaft misst im Diesseits Länge und Breite, Höhe, Tiefe und Anzahl aus. Aussagen über den Sinn und das Jenseits sind dem Glauben vorbehalten. Weil aber die Wirklichkeit komplex ist, müssen sich Wissen und Glaube ergänzen und nicht gegenseitig ersetzen. Dabei kann uns der Heilige Geist helfen, dessen Fest wir am Ende Mai gefeiert haben. Dieser Geist, der uns von Gott zugesagt ist, begleitet uns auf unseren Wegen und schenkt uns die Kraft zu Fragen, zu denken, zu überlegen, dem Ursprung der Dinge und des Lebens auf den Grund zu gehen. Der Heilige Geist verhilft zur Erkenntnis aber lässt die Wirklichkeit nicht aus dem Blick. Ich wünsche uns allen, dass wir durch diesen Geist Gottes in der Lage sind Glaube und Wissen in Einklang zu bringen und sinnvoll für uns und andere einzusetzen.

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