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Warum sollten wir die Eucharistie irgend einem Menschen verweigern?

Posted by Florian Seiffert - 5. Juni 2018

Ein offener Brief zur Interkommunion.

Sehr geehrter Kardinal Müller, sehr geehrter Kardinal Marx, sehr geehrter Kardinal Woelki!

Als Laie möchte ich mir erlauben Ihnen einige Fragen stellen, die mich die letzten Wochen sehr nachdenklich gemacht haben. Ich schicke voraus:

  • Ich habe nicht Theologie studiert.
  • Ich gehe in der katholischen Kirche zur Kommunion.
  • Ich teile den Glauben, dass Jesus Christus nach der Wandlung wesentlich im eucharistischen Brot vorhanden ist.
  • Ich bin mit einer evangelischen Christin verheiratet.
  • Ich bin es gewohnt meinen Glauben vor dem Forum der eigenen Vernunft zu rechtfertigen [1].

Deswegen verstehe ich die Debatte um Interkommunion und die Schreiben der Bischofskonferenz bzw. Briefe u.a. von Kardinal Woelki und Kollegen nach Rom nur bedingt.

Warum darf eine evangelische Christin (Ich wähle hier die weibliche Form, es sind aber hier und im ganzen Text immer Frauen und Männer, hier also Christinnen und Christen gemeint.) nicht die Eucharistie in der katholischen Kirche empfangen? Was wird von ihr beschädigt, wenn sie es tut? Was passiert schlimmes, wenn sie es tut?

Wovor müssen wir hier wen beschützen?

Ich schließe mich gerne Bischof Peter Kohlgraf an und frage: “Denken wir eigentlich, wir müssten den lieben Gott beschützen, indem wir bestimmen, wer zur Kommunion gehen darf und wer nicht?“ [2]

Wenn wir Jesus Christus in der Kommunion nicht beschützen müssen, müssen wir dann die evangelische Christin beschützen? Im Ernst? Vor Jesus Christus?

Mir fällt kein guter Grund ein, warum hier wer vor wem beschützt werden muss! Ich habe viele Artikel und Kommentare zur Interkommunion seit Februar 2018 gelesen. Aber alle bleiben stehen bei dem Axiom: Sie ist verboten. Nur über die Breite der Ausnahmen wurde gestritten. Gerhard Ludwig Kardinal Müller sagt [3]: „keine sakramentale Gemeinschaft ohne kirchliche Gemeinschaft“ und ‚wenn das Prinzip der Einheit von sakramentaler Gemeinschaft und kirchlicher Gemeinschaft zerstört werde, „wird die katholische Kirche zerstört“, so Müller‘. Ja aber warum denn Herr Kardinal?

Sind wir Katholikinnen wirklich sicher, dass all die, die in katholischen Eucharistiefeiern zur Kommunion gehen das “richtige“ und “echte“ Verständnis von sakramentaler und kirchlicher Gemeinschaft haben? Und geht eine katholische Christin unerlaubt zur Kommunion, wenn sie das rechte Verständnis nicht hat und vielleicht “nur“ zum Altar geht, weil es ihr guttut und weil sie sich dann Christus nahe fühlt oder sogar nur, weil sie es schon immer so gemacht hat? Und was daran zerstört bitte die Katholische Kirche – d.h. die Gemeinschaft der Gläubigen?

Da muss doch der Eckstein massiv zerbrochen sein, wenn das (eventuell falsche) Eucharistieverständnis die katholische Kirche zerstören kann.

Kardinal Woelki sagt, es gehe “um Leben und Tod“ [4]. Wer stirbt, wenn er (unerlaubt) zur Kommunion geht? Wer lebt?

Meine Herren, übertreiben Sie nicht?

Ich glaube, dass Gott auf krummen Zeilen gerade schreiben kann. Ich glaube, dass der Empfang der Eucharistie allen Menschen gut tut, dass Jesus in allen Menschen durch die Eucharistie gutes tun und bewirken kann, gerade auch, weil er alle Menschen liebt und sie zu sich führen möchte. Da kommt es auf das richtige Verständnis nicht an! (Medizin wirkt auch, wenn wir nichts von Biochemie verstehen!) Wie klein muss der Heilige Geist gedacht werden, wenn er nur in uns wirkt, wenn wir die richtige Einstellung und das richtige Verständnis haben! Warum also sollten wir die Eucharistie irgend einem Menschen verweigern?

Im Kommunionhelferlehrgang [5] habe ich gelernt, dass Priester und KommunionhelferInnen niemandem die Kommunion verweigern dürfen, der vor ihnen steht. Dann und nur dann, wenn sie (oder er) aus der Kirche ausgeschlossen wurde und dies durch Aushang bekannt gemacht wurde, wird die Heilige Kommunion, die Eucharistie verweigert.

Als Beispiel wurde der Muslim Ali genannt der bei der Beerdigung seines Nachbarn zur Kommunion ging, weil alle das taten und Ali sich aus der Trauergemeinschaft nicht ausschließen wollte, schon aus Respekt vor seinem verstorbenen Nachbarn nicht. Ihm darf die Kommunion nicht verweigert werden und sie wurde ihm nicht verweigert.

Hatte Ali das richtige Verständnis der Eucharistie, der sakramentalen Gemeinschaft? Vielleicht ja! Das, was Herr Kardinal Müller darunter versteht, hatte er wohl eher nicht.

Ich glaube, Ali hat gut und richtig gehandelt und der Kommunionausteiler ebenfalls! Oder? Was hätte wer anders gemacht?

Ich möchte noch eine Geschichte aus dem Kommunionhelferinnenlehrgang fragend anschließen [5]. Im Mittelalter wurden übrig gebliebene konsekrierte Hostien, also die Heilige Kommunion an Kinder ausgeteilt, die vor der Kirche spielten. Wenn das rechtens war und ich glaube, dass es das war, warum sollte es heute Unrecht sein?

Wenn der in der Heiligen Kommunion anwesende Herr Jesus Christus, der mit dem allmächtigen Vater eins ist an evangelische Christen, Muslime, Hindus, …., an MENSCHEN ausgeteilt wird, was kann da bitte beschädigt oder zerstört werden, was kann daran Sünde sein?

Ich möchte noch einen Schritt weiter gehen. Die evangelischen Schwestern und Brüder auf der einen Seite und uns Katholiken auf der anderen trennt nach [1] das Verständnis der Eucharistie und das Papsttum. Wenn wir bei der Eucharistie bleiben, fällt mir auf, dass alle Artikel, Kommentare und Stellungnahme bei dem (unterschiedlichen) Verständnis stehen bleiben. Ist Jesus Christus wesentlich anwesend? Ist das Abendmahl (nur) ein Gedenken?

Warum gehen wir nicht weiter?

Ist das entscheidende bei Heiliger Kommunion und Abendmahl nicht, dass Jesus Christus in unser Herz kommt und dann liebevoll unser Handeln leitet oder sogar bestimmt? Ist es nicht das Wichtigste, dass wir uns ihm nahe fühlen, umarmt, wie von einer liebenden Mutter oder einem liebenden Vater? Getröstet, angenommen, erlöst?

Wenn wir nun nach Empfang von Abendmahl oder Kommunion so empfinden und handeln, ist es dann nicht (völlig) egal, wie Jesus Christus in unser Herz gekommen ist [6], [7]? Durch Kommunion oder durch Gedenken? Ist da der Unterschied zwischen Transsubstantiation und Konsubstantiation noch wichtig? Und wenn er wichtig ist, ist er wichtig für alle Christen (Menschen)?

Fällt die – so meine ich – größte Hürde auf dem Weg zur Einheit der Christen nicht weg, wenn wir uns erlauben zu denken, dass christliches Handeln das wichtigste ist nach dem Empfang der Kommunion bzw. nach Empfang des Abendmahles? Haben wir so lange auf Unterschiede beim Verständnis der Kommunion geschaut, dass wir nicht mehr sehen, dass die Wege dahinter wieder zusammenlaufen?

Oder andersrum: Was ginge verloren, wenn Christen zu allen Kommunionen von Katholiken, Evangelischen, Orthodoxen,… eingeladen und zugelassen wären? Muss es hier ein Richtig und Falsch geben? Und muss das Richtig immer beim eigenen Glauben liegen und das Falsch immer bei den anderen?

Papst Benedikt XVI. schrieb als Kardinal: Es gibt so viele Wege zu Gott, wie es Menschen gibt [8]. Karl Rahner sagte: Die Hölle ist leer [9].

Warum also ist die Frage der Kommunion, die Frage, wie Jesus Christus in unser Herzen kommt so, so wichtig? Wieso hat diese Frage (angeblich) die Kraft den Katholischen Glauben zu zerstören? Warum soll es hier um Leben und Tod gehen?

Mir kommt manchmal der Verdacht, dass es gar nicht um das Verständnis von Eucharistie und Abendmahl geht, sondern um Einfluss auf die Gläubigen. Welcher Hirte führt die Schafe? Wer hat mehr zu sagen? Wer weiß mehr Schafe hinter sich? Hat der Papst MEINER Meinung zugestimmt oder der eines anderen (Kardinals)?

Kann das sein? Könnte es darum in Wirklichkeit gehen? Und falls das so ist, ist das richtig?

Ich glaube, dass das Bild von Hirte und Schaf heute nicht mehr ganz genau passt. Um es klar zu sagen: Jesus Christus ist der gute Hirt. Gegen ihn bin ich ein (kleines, schwarzes) Schaf. Bei meinem Hirten Jesus Christus bin ich gut aufgehoben. Hier passt das Bild vom gutem Hirten und der Herde Schafe.

Lange Zeit in der Geschichte der Kirche traf das Bild auch hier unten auf der Erde zu. Papst, Bischöfe und Priester waren die Hirten, ihre Gemeindemitglieder waren Schafe. Der Pfarrer war (vielleicht neben dem Lehrer) der Einzige, der studiert hatte, der schon mal “in der Welt“ draußen war. Es war gut, wenn er seinen Gemeindemitgliedern sagen konnte, was richtig und falsch war und aus der Heiligen Schrift vorlesen konnte.

Aber heute? Praktisch alle können hier bei uns Lesen und Schreiben, sie sind unterrichtet im Denken. Viele haben studiert oder Ausbildungen abgeschlossen. Sie entscheiden selbst, was für sie gut und richtig oder böse und falsch ist. Sie übernehmen dafür die Verantwortung. Jemand, der das tut, ist kein Schaf mehr!

Ich glaube, ich bin kein Schaf und ich brauche keine menschlichen Hirten, die für mich entscheiden und bestimmen. Ich möchte gleichberechtigt mit Priestern und Bischöfen sprechen! Es wäre schön, sie könnten anerkennen, dass ich auch ohne Theologiestudium in Glaubensfragen (in Fragen meines Glaubens) mitreden (mit ihnen reden) kann.

Von meinen Bischöfen und der Deutschen Bischofskonferenz wünsche ich mir kluge Ratschläge! Keine Erlaubnisse, keine Verbote! Erklären Sie mir, warum ich etwas tun oder lassen soll. Noch besser: Seien Sie Beispiel! Sagen Sie mir, was Sie glauben und warum. Was Sie glücklich daran macht und warum Sie diesen oder jenen Weg gehen. Oder noch viel besser: Was fällt Ihnen schwer zu glauben, woran zweifelt ihr (gelegentlich)?

Beispiel: Sagen Sie mir, warum Sie in der Fastenzeit fasten. Worauf verzichten Sie? Was macht das mit Ihnen, wie fühlen Sie sich damit?

Sehr geehrter Kardinal Müller, sehr geehrter Kardinal Marx, sehr geehrter Kardinal Woelki, bitte überzeugen Sie mich davon, dass es nicht gut ist bei den evangelischen Schwestern und Brüdern zur Kommunion zu gehen, wenn Sie selbst davon überzeugt sind! Sagen Sie mir, wo ich, wo meine Seele Schaden nimmt, wenn ich es tue. Ein Verbot reicht mir nicht (mehr).

Wenn Sie in Konferenzen und Konzilien Beschlüsse fassen und Sie glauben dabei vom Heiligen Geist gelenkt zu sein – was ich auch glaube – warum glauben Sie dann nicht, dass auch das ganze Volk Gottes, also die Kirche, vom Heiligen Geist gelenkt ist? Also ihr Bischöfe und wir Laien zusammen.

Kann es nicht auch durch den Heiligen Geist gelenkt sein, dass viele evangelische Christinnen zur Kommunion in der katholischen Kirche gehen? In eigener Verantwortung, (vielleicht) abgesprochen mit ihren Pfarrern? Auch bereit, dies beim jüngsten Gericht zu vertreten? Und bereit eine etwaige Strafe dann auf sich zu nehmen?

Es tut mir weh zu lesen, wie der Heilige Vater in dieser Frage kritisiert wird und durch wen [10], [11]. Dabei gibt gerade er mir das Gefühl auf den “Glaubenssinn der Gläubigen“ [12] zu hören.

Ich möchte zum Schluss noch zwei Stellen aus den Klageliedern zitieren, die es mir möglich erscheinen lassen, mit meiner Meinung hier nicht ganz falsch zu liegen.

Wer Gott fürchtet, wird sich in jedem Fall richtig verhalten. [12]

Halte dich nicht zu streng an das Gesetz und sei nicht maßlos im Erwerb von Wissen! [13]

Wenn Sie meiner Argumentation folgen können: Prima. Wenn nicht: Wo liege ich falsch und warum?

Oft hört man an einer solchen Stelle ein (hilfloses) “dann bist Du nicht katholisch“. Da frage ich mich immer: Ist es ein Wert an sich katholisch zu sein? Werden wir das als erstes gefragt an der Himmelstür? Oder gibt es gute Argumente, die mich von meiner hier geschilderten Meinung abbringen und mir vielleicht einen besseren (fröhlicheren?) Weg zu Gott weisen?

Mit freundlichen Grüßen
Florian Seiffert

Literatur:
[1] Kaplan Schwarz. Religionsunterricht Rhein-Gymnasium, Köln Mülheim. Ca. 1980.

[2] Bischof Peter Kohlgraf zur Kommunion. Abgerufen am 29.05.2018.
katholisch.de

[3] Kardinal Müller nennt Kommunion-Gespräche in Rom „armselig“. Abgerufen am 29.05.2018.
www.kirche-und-leben.de

[4] Kommunionstreit: Woelki will gesamtkirchliche Lösung. Abgerufen am 01.06.2018. www.katholisch.de

[5] Kommunionhelferlehrgang in Köln bei Pfarrer Bohl. Ca. 1993.

[6] Liebe – und tu was Du willst. Augustinus: aphorismen.de

[7] Laß die Liebe in deinem Herzen wurzeln, und es kann nur Gutes daraus hervorgehen. Augustinus: aphorismen.de

[8] Heiliges Senfkorn. Abgerufen am 29.05.2018.
m.faz.net
Siehe auch: Salz der Erde, 7. Auflage. Mai 1997. Vorwort.

[9] Abgerufen am 29.05.2018
www.emk-zofingen.ch

[10] Kommunionstreit: Was ausländische Bischöfe über den deutschen Vorschlag sagen. Abgerufen am 29.05.2018.
de.catholicnewsagency.com

[11] Erzbischof: Konsens der deutschen Bischöfe kann Lehre nicht ändern. Abgerufen am 30.05.2018. www.kath.net

[12] “Die meisten Gläubigen sind theologisch nicht hinreichend geschult, um die Einladung des protestantischen Partners konfessionsverbindender Paare zum Sakrament der Eucharistie von der Einladung des katholischen Partners konfessionsverbindender Paare zum protestantischen Abendmahl unterscheiden zu können.“ Dogmatiker Karl-Heinz Menke.
www.domradio.de

[12] Wer Gott fürchtet, wird sich in jedem Fall richtig verhalten. Klagelieder 7,18

[13] Halte dich nicht zu streng an das Gesetz und sei nicht maßlos im Erwerb von Wissen! Klagelieder 7,16

Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz:
creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/

Kurz: Sie dürfen diesen Text beliebig weiter veröffentlichen, solange Sie meinen Namen (Florian Seiffert) als Autor nennen. Sie dürfen auch gerne auf meinen Blog flohblog.wordpress.com verlinken.

Diesen Text als pdf-Datei:
Interkommunion.pdf

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